Share |

ABORA II - Ein Schiffbau hoch in den Anden Südamerikas

Der Bau des Schiffes begann im Sommer 2001 am Ufer des Titikakasees auf dem Hotelgelände von CRILLON TOURS in Bolivien. In den Monaten August/September bauten die Aymara-Indianer unter der Leitung von Dominique Görlitz aus 6 Tonnen Totoraschilf ein 12 m langes und 4,4 m breites Schilfboot. Sie nutzten die gleiche Methode wie die ägyptisch-mesopotamischen Schilfbootbauer. Dabei verschnürten sie die vielen Schilfbündel zu einem massiven Doppelrumpfboot ähnlich einem modernen Katamaran. Im Winter 2001/02 wurde der stattliche Rumpf über die höchsten Berge Amerikas und über den Atlantischen Ozean um die halbe Welt nach Alexandria/Ägypten transportiert. Während des Aufenthaltes in Alexandria folgte die Projektgruppe der Einladung, mit der ABORA II an der Einweihungszeremonie der wieder errichteten Weltbibliothek teilzunehmen. Die Arbeiten am Schiff wurden fortgesetzt und die Bootsbauer fertigten nach vorzeitlicher Art alle Aufbauten an. Trotz vieler Schwierigkeiten, wie z.B. dem ägyptischen Zoll, konnte das Schilfboot am 18.04.2002 zu Wasser gelassen werden. Es wurde wieder nach der altkanarischen Gottheit ABORA benannt, die dort auf Stufenpyramiden verehrt wurde, die in Ägypten, auf Sardinien und den Kanaren mitten im Atlantik stehen. Die Feierlaune nach der Schiffsaufe hielt nicht lange an, denn in den gleichen Minuten verstarb Thor Heyerdahl. Der Tod des berühmten Seefahrtforschers, mit dem Dominique Görlitz in enger Verbindung stand, war ein großer Verlust. Jedoch forderte er auch die Verpflichtung, mit der ABORA II zu beweisen, dass bereits in der Vorzeit eine hochentwickelte Seefahrt existierte.

ABORA II - Wie vorägyptische Seefahrer gegen den Wind

Am 17.05.2002 startete die ABORA II in Alexandria ihre abenteuerliche Reise. Sie sollte in dem großen Mittelmeer-Dreieck Ägypten-Libanon-Kleinasien segeln. Jedoch führten bürokratische Schwierigkeiten mit den ägyptischen Marinebehörden zu einer dreiwöchigen Verzögerung des Expeditionsstarts, so dass bereits bei Antritt der Seereise an eine Ausdehnung der Fahrt bis zur griechischen Inselwelt aus Zeitgründen nicht mehr zu denken war.
Das Schilfboot wurde nach vordynastischen Darstellungen aus der Negade I-III Kultur aufgetakelt. Neuartig im Gegensatz zu Thor Heyerdahls Expeditionen war der Ansatz, an genau vorgegebenen Positionen Seitenschwerter an Bug und Heck anzubringen. Diese Schwerter erfüllen beim Segeln Doppelfunktion, denn sie reduzieren nicht nur die Seitabdrift, sondern verschieben auch den Lateraldruckpunkt (Drehpunkt des Bootes unter Wasser) vor den Segeldruckpunkt (Ort, wo die Windkräfte über Wasser ansetzen). Diese physikalischen Effekte haben der Theorie zufolge den Effekt, dass auch ein kielloses Schilffloß „ohne Motorkraft“ am Wind segeln kann.
Der Nachweis der Gegenwindsegelfähigkeit war das Hauptziel der ABORA II Expedition, denn ohne die Fähigkeit wären regelmäßiger Handel und Kulturaustausch auf dem klimatisch schwierigen Mittelmeer undenkbar gewesen. Die Idee für die Seitenschwert-Segeltechnik kam dem Autor beim Studium prädynastischer Schiffsbilder in Oberägypten, wo eine Vielzahl Schiffsbilder andeutet, dass in vorgeschichtlichen Zeiten die Nilbewohner weiter reichende Fahrten über das Meer durchführten als heute allgemein angenommen wird. Zum ersten Mal in der Neuzeit sollte ein frühgeschichtlicher Schiffstyp eine gezielte Hin- und Rückfahrt über das Meer durchführen, um die volle Manövrierfähigkeit altertümlicher Rahsegler experimentell zu beweisen.
Die gesegelten Kurse bestätigten die Projekthypothese. Bei günstigen Windstärken und mit der Strömung segelte die ABORA II sogar bis 70° gegen den Wind. So konnte sie vor der Küste Afrikas sogar richtig Aufkreuzen, eine maritime Fähigkeit, die die der Mehrheit der Schifffahrtsexperten einem Schiff der Steinzeit bisher abspricht.

Die ABORA II segelte im Kulturdreieck von Ägypten-Libanon und Zypern

Am frühen Nachmittag des 21. Juli 2002 segelte die ABORA II wieder in den Osthafen der Stadt Alexandria ein. Insgesamt 1164 Seemeilen lagen hinter der Crew, die über 65 Tage dicht an dicht auf ihrer schwimmenden Schilfinsel gelebt und miteinander gearbeitet hat.
Angesichts der Hin- und Rückreise entlang einer vorgegebenen Reiseroute mit ständig wechselnden Wetterbedingungen ist es sehr wahrscheinlich, dass die Menschen bereits vor der Erfindung der seetüchtigen Holzschiffe weite Reisen über das Mittelmeer unternommen und miteinander in einem engen Kulturaustausch gestanden haben. Die seit Jahrzehnten gehegte Kritik an Thor Heyerdahls RA II Expedition, man hätte mit einem ägyptischen Papyrusboot vom O-Mittelmeer aus niemals den Atlantik erreicht, muss nun revidiert werden, denn mit ausreichend Zeit hätte die ABORA II überall hin im Mittelmeer segeln können.
Mit Hilfe dieser Projekterfahrung erscheint damit heute auch die Rückseglung der Nordroute von Amerika über den Atlantik nach Europa zurück für möglich. Diese Route entlang des Golfstroms wird aufgrund der wechselnden Winde und der viel schwächeren Strömung für prähistorische Segler als nicht befahrbar eingeschätzt, obwohl neue geobotanische Belege als auch voreiszeitliche Wandmalereien, wie aus der Cueva del Castillo in N-Spanien, solche transatlantischen Handelsverbindungen vermuten lassen.
Die Fahrt der ABORA II hat außerdem gezeigt, dass Segelsport, Wissenschaft und Teamarbeit eine hervorragende Symbiose eingehen können, um bisher ungelöste Fragen der Archäologie zu beantworten.

Anzeige: