Der Marmorglobus von Gotha

Der Globus in der Herzoglichen Sammlung des Schlosses Friedenstein zu Gotha scheint ein spannendes Geheimnis zu haben. Denn die Darstellung aus Marmor zeigt östlich des südamerikanischen Kontinents eine Schiffsdarstellung, die alle Merkmale eines frühägyptischen Schiffstyps besitzt. Jedoch kein Gothaer des Frühmittelalters hätte dieses Wissen über ägyptischen Schiffsbau auf einem Globus verewigen können.

marmor

Das Herstellungsjahr kann man indes nur vermuten: 1533. Der Globus von nur 11,9 Zentimetern Durchmesser zeigt die Erde nur wenige Jahrzehnte nach der Wiederentdeckung Amerikas. Deutlich zu erkennen sind die beiden Kontinente Antarktis und Australien, die von europäischen Seefahrern erst 250 bzw. 73 Jahre später entdeckt worden sind. Die allgemeinen Umrisse ähneln erstaunlich den heute dargestellten. Damit gehört der Marmorglobus von Gotha in die Kategorie der Rätselkarten des Mittelalters, von denen es nur eine Hand voll auf der Welt gibt. Diese Rätselkarten dokumentieren, dass bereits die Menschen der Frühzeit über großes geographisches Wissen verfügten. Die Entdeckungsfahrten von Christoph Kolumbus stellen nicht den Anfang, sondern nur die Fortsetzung viel älterer Erkundungsfahrten dar, deren Kenntnisse im Laufe der Geschichte verloren gegangen sind. Dabei haben sich drei Kartenwerke einen besonderen Ruf als Rätsel der Kartographie erworben:

die Waldseemüller-Karte von 1507, die Peri-Reis-Karte von 1513 und die Finaeus-Karte von 1531. Es braucht den Vergleich dieser drei Werke, um die Bedeutung des Gothaer Globus zu erschließen: Die von Waldseemüller veröffentlichte Weltkarte zeigt zum ersten Mal den amerikanischen Doppelkontinent und den kompletten Pazifischen Ozean. Und das sechs Jahre vor seiner Erstsichtung durch Bilbao 1513 oder der ersten Pazifiküberquerung durch Magellan 1519-22. Doch woher bezog Waldseemüller sein Wissen für die Konzeption dieses völlig neuen Weltbildes? Eine plausible Antwort liefert vielleicht die Peri-Reis-Karte. Sie ist nicht so exakt, enthält dafür aber ein Impressum, das der türkische Kartenzeichner im westlichen Kartenfragment hinterlässt. Bei der Übersetzung der Textstellen fand der Orientalist Paul Kahle heraus, dass die Karte unter Verwendung von antiken Karten hergestellt worden ist. Peri Reis hinterließ in türkischer Sprache insgesamt 24 weiterführende Erläuterungen, darunter Verweise auf antike Quellen, die heute unauffindbar sind. Dies ist zugleich ein Beleg, dass vor allem die islamischen Gelehrten das kartographische Vermächtnis der Antike bewahrten.

Die Karte des Franzosen Oronteus Finaeus (1531) liefert wiederum die beeindruckendste Antarktisdarstellung. Sie stellt die Antarktis 250 Jahre vor ihrer Entdeckung in einer ungeahnten Qualität dar. Doch damit nicht genug. Eine Forschungsgruppe unter der Leitung des Geschichtsprofessors Charles P. Hapgood fand in Zusammenarbeit mit der West Over Air Force Base heraus, dass die unvereiste Küstenlinie der Antarktis in einer Zeit aufgenommen wurde, ehe sie vor dem 6. Jahrtausend v. Chr. nach einer kurzen Warmzeit wieder vom Packeis zugedeckt wurde. Das Gutachten attestiert, dass man keine Erklärung habe, wie die Angaben mit dem Kenntnisstand des 16. Jh. in Übereinstimmung gebracht werden können. Der Experte für Frühkartographie Prof. Gallez kommt auf der Grundlage der Forschungen über die Finaeus-Karte zu dem Urteil: Die Erforschung eines Kontinents setzen das Vorhandensein einer zivil und militärisch hoch organisierten Gesellschaft in der Frühzeit voraus. Das alles verträgt sich schlecht mit unserem heutigen Wissen über menschliche Gesellschaften des 6. Jahrtausends vor unserer Zeit.

Es liegt auf der Hand, dass der Hersteller des Marmorglobus von Gotha viele Teile aus den beschriebenen Rätselkarten entnahm. Vor allem über Gebiete, für die er keine neuen Informationen bekommen konnte. Dennoch weist der Globus zahlreiche Unterschiede auf. So besitzt er bestimmte Neuerungen, aber auch Ungenauigkeiten zu den etwa 20 Jahre älteren Rätselkarten. Am bemerkenswertesten ist die realistische Südamerikadarstellung. Sie ist eines der frühesten Beispiele und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die Westküsten und die Fließrichtung des Amazonas exakt wiedergegeben sind. Dabei muss man sich vor Augen führen, dass die erste kartographische Expedition an die Westküsten Südamerikas unter Sir Francis Drake im Jahr 1566 durchgeführt worden ist. Das sind 33 Jahre nach der Entstehung des Marmorglobus.

Ein weiteres Novum stellt die erste vollständige Andeutung der Küsten Australiens dar, wenngleich der fünfte Kontinent noch über eine Landbrücke mit der Antarktis fehlerhaft verbunden ist. Dennoch, auch Australien wurde erst 73 Jahre später durch den niederländischen Seefahrer Willem Jansz erstmals gesichtet. Woher also stammen die Informationen auf dem Globus? Hatten gar chinesische Seefahrer ihre Hände im Spiel?

Natürlich stimmen Lage und Größe der beiden erwähnten Kontinente nicht exakt mit modernen Karten überein. Hapgood fand heraus, dass die Kartographen beim Umkopieren der vorantiken Karten den südlichen Polarkreis (66° s.B.) mit dem 80. Breitengrad verwechselten. Auch wurden geographische Namen, wie beispielsweise Regio Brasilia, nicht auf dem südamerikanischen, sondern antarktischen Kontinent eingetragen. Das sind Belege dafür, dass der Globushersteller die Informationen von neuen Expeditionen nicht richtig verstand und nicht mit den alten Kartenvorbildern in Übereinstimmung bringen konnte. Des Weiteren fällt auch dem Laien sofort auf, dass Nordamerika auf dem Gothaer Globus mit dem asiatischen Kontinent verschmilzt.

Eine weitere Spur führt nach Nürnberg. Hier wirkte der berühmte Kartograph Johannes Schöner. Viele Wissenschaftler sehen in ihm den vermeintlichen geistigen Vater des Marmorglobus von Gotha. In Nürnberg stellte er einen beinahe identischen Globus um 1533 her, wenngleich nicht mit einer so exakten Südamerikadarstellung.

Doch etwas anderes faszinierte mich sehr viel mehr: Auf dem Globus befindet sich eine Darstellung, die ich ohne weiteres für die Konstruktion meiner Expeditionsschiffe hätte nutzen können ein frühägyptisches Schiff.

Bei den Dreharbeiten zum ZDF-Film über meine Seereise mit der Abora III machten wir, meine Lebensgefährtin Cornelia Lorenz und ich, eine sensationelle Entdeckung. Östlich des südamerikanischen Kontinents thront eine Schiffsdarstellung, die alle Merkmale eines frühägyptischen Schiffstyps besitzt. Anfangs trauten wir unseren Augen nicht. Doch die sofort durchgeführten Recherchen, Vergleiche mit altägyptischen Schiffsbildern und computergestützte Bildbearbeitungen lassen kaum einen Zweifel an unserer Entdeckung zu. Die Bildstruktur ist keine optische Täuschung oder ein natürliches Gebilde infolge einer Marmorfärbung. Die Form des Rumpfes ist identisch zu frühägyptischen Holzschiffen mit spitzem Bug und hoch geschwungenem Heck. Die plump wirkenden Decksaufbauten gleichen sogar noch älteren prädynastischen Schiffsbildern aus der Zeit vor 3100 v. Chr. Diese Bildelemente sind so speziell und kommen in dieser charakteristischen Ausführung nur im frühen Ägypten vor. Die Darstellung des Bildes erforderte genaue Kenntnisse über den ägyptischen Schiffbau. Kein Kartograph des Frühmittelalters hätte dieses Wissen über ägyptischen Schiffsbau auf einem Globus verewigen können.

Damit entwickelte sich die Arbeit zu einem echten Wissenschaftskrimi. Allein die Darstellung der Antarktis und sogar die Beschriftung mit dem künftigen Namen dieses Kontinents, der erst 250 Jahre später entdeckt werden sollte, ist ein schwerwiegender Hinweis, dass die Inhalte dieses Globus nicht mit unserem historischen Kenntnisstand in Übereinstimmung zu bringen sind. Damit könnte dieses ägyptisch anmutende Schiffsbild tatsächlich eine geheime Botschaft sein. Kein zeitgenössisches Kunstwerk oder auch späteres Bildnis stellt jemals wieder ein ägyptisches Seefahrzeug dar. Den einzigen Hinweis für dieses Bildrätsel liefert der türkische Admiral Peri Reis, der 20 Jahre vor der Entstehung des Marmorglobus seine Weltkarte veröffentlichte. Peri Reis stand als islamischer Gelehrter nicht unter dem politischen oder religiösen Druck, wie die europäischen Kollegen seiner Zeit. Hat er deshalb ganz freimütig sein Wissen über die Herkunft dieser geographischen Informationen preisgegeben?

Fragen über Fragen, die, wenn man sie konsequent zu Ende denkt, nur zweierlei bedeuten können: Entweder hatten die frühen Kartographen für wenige Jahrzehnte Zugriff auf das verloren gegangene Wissen der antiken Zivilisationen oder die Entdeckungsfahrten der Europäer sind älter, als wir in den Geschichtsbüchern nachlesen können.

Über die Entdeckungsfahrten der Ägypter wissen wir so gut wie nichts. Ich forsche gerade mit einem internationalen Team an rätselhaften Tabakfunden in ägyptischen Gräbern, die weitere Hinweise für die Existenz interkontinentaler Handelsreisen im Altertum liefern. Das ägyptische Schiffsbild auf dem Marmorglobus von Gotha könnte damit ein weiteres Indiz für diese Hypothese sein. Das bedeutet, es müssen weitere Untersuchungen an dem Globus und frühkartographischen Werken erfolgen, um die Botschaften dieser rätselhaften Darstellungen aus der Vergangenheit zu enthüllen.